In der ARD ist mal wieder Themenwochenzeit. Diesmal: Kinder sind Zukunft.
Gerade eben habe ich einen Bericht gesehen über Erziehung. Über Schule. Über Frühförderung. Über die Realität. Über die Vergangenheit. Über Alltag.
Und ich stelle fest: mein Sohn genießt überdurchschnittliche Möglichkeiten der Förderung an Geist und Körper. Allerdings: aus meiner Sicht liegt der Durchschnitt unterirdisch tief. Solche Berichte nehmen mich sehr mit, deshalb sehe ich auch nicht häufig welche bis zum Ende. Meist siegt meine eigene Feigheit vor der Wirklichkeit und ich schalte ab.
In dem Bericht wurde eine Lehrerin durch ihren Alltag in einer ersten Klasse begleitet und mich packt das kalte Grausen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dies eine Schule mit problematischem sozialen Umfeld sei, eher schlichter Durchschnitt.
Mein Sohn dagegen hat das Privileg, den Unterricht mit ziemlich vielen gut entwickelten, früh geförderten Kindern zu teilen, so dass dort die Messlatte einfach per se höher liegt. Und gerade in Zeiten wie heute kann die Messlatte kaum hoch genug liegen, wenn das eigene Kind eine gesicherte Zukunft haben soll. Wenn es alle Möglichkeiten nutzt, sich intellektuell und emotional weiterzuentwickeln. Und mir wird klar, dass trotz der Wohn- und Lebenssituation hier mein Sohn immer noch große Defizite aufweist, die ich fürchte, nichtmehr gutmachen zu können. Ich bin schlichtweg frustriert...
Der Bericht macht klar, was wichtig ist:
Bewegung. Jeden Tag ein bis zwei Stunden mit den Kindern rausgehen sei optimal. Sicher könnte ich das hinkriegen, aber Faktoren die dagegen sprechen sind:
-ich bin berufstätig, also nicht jeden Nachmittag zuhause, wenn man rausgehen könnte
-ich kenne mich selber in Fauna und Flora nur rudimentär aus, habe schlichtweg Schiss vor den vielen Kinderfragen, die "da draussen" auf mich zukämen
-mein Sohn hat allerlei Termine, die reichlich Zeit rauben
-ich bin faul (der schlechteste aller Gründe)
Strukturen. Man gebe dem Kind einen festen Rahmen, an dem es sich orientieren kann. Kinder brauchen Gerüste, auf die sie bauen können. Zum Beispiel geregelte Eessenszeiten (und die Familie isst gemeinsam und am Tisch - was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber scheinbar nicht ist.) Zum Beispiel Zu-Bett-Geh-Rituale (das beschränkt sich bei uns auf Zähneputzen, Nachtlicht an, CD zum Einschlafen anstellen, Kuscheln, zudecken, Türe zu und funktioniert einwandfrei).
Was ich deutlich merke, ist, dass es meinem Sohn schwerfällt, sich solche Strukturen selbst zu schaffen. Nachdem Schwierigkeiten mit den Hausaufgabenzeiten und der Hausaufgabendauer aufgetreten sind, habe ich ihm die Freiheit gegeben, selbst zu entscheiden, wann er sich seine Hausaufgabenstunde nimmt. Und er schafft es einfach nicht, sie so zu legen, dass er dann auch wirklich genügend Kraft und Konzentration hat. Regeln wir Erwachsenen diese Hürde für ihn, fühlt er sich 'gezwungen' und blockiert. Ätzend!
Konsequenz. Kinder müssen lernen, dass es Grenzen gibt, die es einzuhalten gilt. Und Eltern müssen vermitteln, dass es Folgen hat, wenn diese Grenzen überschritten werden. Sei es beim Unsinnmachen, beim Lautsein, beim Frechsein, beim Toben, beim Fernsehkonsum, beim Wütendsein, beim Süßigkeitenverzehr, ... Kein Kind nimmt Grenzen ernst, wenn sie diese Grenze nie zu spüren bekommen. Für Erziehende ist es ein verdammt lästiger, harter Job, konsequent zu sein. Letztlich macht er sich aber bezahlt. Für alle Beteiligten.
Ich gebe mir große Mühe, meinem Sohn viele Impulse angedeihen zu lassen wie zum Beispiel Musikunterricht oder Sportvereine. Ich beschränke Fernsehzeiten, es gibt feste Regeln, wann Gamecube gespielt werden darf. So oft es geht, mache ich Vorschläge, etwas gemeinsam zu unternehmen. Wir spielen viel gemeinsam. Wir basteln gemeinsam. Ich lobe ihn viel und strafe ihn wenig. Wir kuscheln, toben und kichern gemeinsam. Ach, es gibt so vieles, was ich bereits versuche und es ist noch zu wenig.
Und dennoch weiß ich um die Schwächen. Wie zum Beispiel, dass ich ihm nicht ausreichend und nicht regelmäßig genug vorgelesen habe. Er ist so lesefaul, dass es mir um die vielen Bücher leid tut, die er nicht lesen will! Wir haben eine Alternative gefunden, damit er nicht ganz auf Fantasiewelten und Abenteuergeschichten verzichten muss: Hörbücher.
Ein weiterer Schwachpunkt ist, dass ich an keiner Kinderkrabbelgruppe oder Pekip oder sowas beteiligt war. Meinem Sohn fehlen soziale Kontakte, er tut sich schwer, mit anderen Kontakt zu knüpfen. Ich kanns ihm nicht verübeln, ich bin ja selber so. leichter hat's man aber, wenn man offen und menschenzugewandt ist.
Ich würde eine 'Elternschule' sehr begrüßen. Eine Plattform, die mir die Möglichkeit gibt, dazuzulernen. Die mir immer wiede rneue Denkanstöße vermittelt, ohne dass ich sie mir mühsam erarbeiten muss (Zeitschriften lesen, Internetforen beiwohnen, etc.) Eine Einrichtung, die mir Hinweise gibt, was gut ist und was nicht, was richtig und was falsch. Wo ich mich an Vorbildern orientieren kann.
Die Lehrerin aus dem Bericht hat meine allergrößte Hochachtung. Allein der Geräuschpegel in der Grundschule würde mich an den Rand des Wahnsinns treiben. Dann die Elterngespräche! Mit Eltern, die entweder ignorant, unwissend oder hilflos sind - oder Eltern, die meinen, alles besser zu wissen, alles richtig zu machen. Dann noch die vielen Kinder, die einfach nicht das können, was sie sollten. Die immer Hilfe brauchen, die gefördert werden müssen. Das Wissen, dass die begabteren Schüler dabei 'auf der Strecke' bleiben. Und dabei niemals die Motivation verlieren, niemals den Sinn des Berufs verfehlen, niemals aufgeben. Hut ab!
Ich hab bestimmt vieles schon wieder vegessen oder verdrängt, was mir während des Berichts wichtig erschien, ich belasse es dennoch bei diesen drei Punkten, die mir am ehesten auf den Nägeln brennen.
Sooft ich es schön genossen habe, alleine über das Wohl meines Sohnes entscheiden zu können und sooft ich schon froh war, mich nicht mit einem Miterziehenden rumstreiten zu müssen, sosehr wünsche ich mir in seltenen Momenten jemanden, mit dem ich diese große Verpflichtung teilen könnte. Es ist nicht immer schön, alleinerziehend zu sein, auch wenn man große Hilfe und Kraft in der Familie findet.
Mit der Geburt meines Kindes habe ich eine Verpflichtung angetreten, die es zu erfüllen gilt. Ich habe den Auftrag, zu erziehen. Und das ist weit mehr, als ich mir hätte ausmalen können, als ich vor 8 Jahren Mutter wurde.
Es gibt viel zu tun, zögern wir nicht!